Merlijn Schoonenboom Was ist schön? Warum ein Gemälde innerhalb von 150 Jahre erst Kunst dann Kitsch und dann wieder Kunst werden konnte I. Warum Geschmack sich ändert Was   ist   schön?   Das   ist   natürlich   eine   viel   zu   große   Frage,   die   ich   für   heute ausgewählt   habe.   Darf   man   die   Frage   überhaupt   noch   stellen?   Wir   stellen sie einfach mal so im Raum. Es   gibt   ein   Bild,   das   ich   dazu   ausgewählt   habe.   Vielleicht   müssen   Sie   ein bisschen   darüber   lachen.   Es   ist   das   Gemälde   „Nymphes   et   Satyre“,   das der französische Maler William-Adolphe Bouguereau 1873 gemalt hat. Das    Bild    zeigt    viel    weibliche    Nacktheit,    ist    ziemlich    “glatt’        und    sehr idealisiert   gemalt.   Eine Art   ‘angenehme   süssliche   Schönheit’,   die   man   eher mit   Kitsch   in   Verbindung   bringt. Auch   ich   musste   darüber   lachen,   und   muss das   immer   noch.   Ich   habe   dieses   Bild   als   Reproduktion   in   einem   Laden kennengelernt,   der   sich   „Billig   &   Gut“   nannte.   Irgendwie   war   ich   jedoch   von dem   Bild      so   fasziniert,   dass   Jahre   später   ein   Buch   daraus   entstanden   ist, weil   ich   entdeckte,   dass   es   zu   diesem   Bild   viel   mehr   zu   sagen   gibt,   als   man auf den ersten Blick denken würde. Ich   habe   die   Geschichte   dieses   Bildes   der   letzten   140   Jahre   verfolgt,   bin von    Paris    nach    New   York    gereist    und    von    Rotterdam    nach    Wien.    Mit diesem   Bild   stellt   sich   die   Frage,   warum   ästhetischer   Geschmack   sich ändert.     Es     wurde     Ende     des     19.     Jahrhunderts     als     höchste     Kunst empfunden.     Bouguereau     war     der     Jeff     Koons     seiner     Zeit     und     der bekannteste   und   einer   der   reichsten   Künstler   von   Paris,   und   auch   einer   der mächtigsten    Künstler.    Er    war    der    Mann,    der    in    der    einflussreichen Académie   des   Beaux-Arts   in   Paris   das   Sagen   hatte.   Nach   1910   galt   das Gemälde   aber   als   der   größte   Kitsch.   Aber   seit   ungefähr   10   Jahren   gibt   es wieder    eine    Änderung;    das    Gemälde    ist    wieder    zurück    in    wichtigen Kunstmuseen.   Und   im   Internet   hat   Bouguereau   sogar   eine   ganz   aktuelle gesellschaftspolitische Bedeutung bekommen. Also: wie kann sich Geschmack in 140 Jahre so radikal ändern? II. Die weibliche Nacktheit als Kampfzone Wie    das    passieren    konnte,    hat    sehr    viel    mit    der    Geschichte    des    20. Jahrhundert    zu    tun    und    mit    gesellschaftlichen    Änderungen        und    mit politisch-ideologische Verschiebungen. Mein   Interesse   an   diesem   Thema   wuchs   als   ich   2001   als   Kunstjournalist bei    der    Volkskrant    arbeitet,    eine    leitende    überregionale    Zeitung    in    den Niederlanden.    Ich    bin    selber    kein    Kunsthistoriker,    aber    Kulturhistoriker. Vielleicht   fiel   es   mir   darum   besonders   auf,   dass   in   einer   Kunstredaktion ungeschriebene   Gesetze   gibt,   über   was   man   als   gut   empfinden   und   was als   schlecht   soll.   Ehrlich   gesagt   hat   es   mich   gewundert,   dass   dies   vielen meiner Kollegen nicht bewusst war. Mich   interessieren   genau   solche   ungeschriebenen   Gesetze   der   Kunstwelt. Ein      perfektes      Museum,      um      die      Hintergründe      der      modernen Kunstgeschichte   zu   erfahren,   ist   das   Musée   d’Orsay   in   Paris.   Es   ist   das wichtigste   Museum   für   die   Kunst   des   19.   Jahrhunderts.   Die   Präsentation der   Kunst   sagt   aber   auch   viel   darüber   aus,   wie   wir   in   unserer   eigenen   Zeit über      Kunst      denken.      Es      ist      aufgebaut      nach      dem      wichtigsten ungeschriebenen   Gesetz   der   Kunstgeschichte   des   20.   Jahrhunderts:   es gibt    Fortschritt    in    der    Kunstgeschichte,    und    manche    Maler    treiben    ihn voran, andere bleiben im Abseits stecken. Im   Erdgeschoss   sind   unterschiedliche   Stile   aus   Anfang   und   Mitte   des   19. Jahrhunderts   zu   finden,   vom   Neoklassizismus   bis   zum   Realismus.   Es   wird aber   direkt   deutlich   gemacht,   dass   Letzterer   ‘wichtiger’   ist   als   der   Ersterer. Geht   man   nach   oben,   wird   es   moderner   und   somit   immer   „besser“:   die Impressionisten,   die   Post-Impressionisten.   Andere   Strömungen   -   die   es natürlich   auch   gab   -   sieht   man   nicht   mehr.   Eigentlich   zeigt   man   nur   noch eine Richtung der Kunst: Richtung Abstraktion, Richtung Experiment. Als   ich   vor   zehn   Jahre   einmal   im   Museum   rumlief,   landete   ich   in   einem leeren   Saal   im   ersten   Stock,   der   Festsaal.   Niemand   war   da,   die   Wänden waren   voller   Gold   und   Spiegel.   Etwas   weggesteckt   in   einer   Ecke   stand   ein riesiges   Venus-Gemälde,   das   genauso   glänzte   wie   das   Gold   an   der   Wand. Der   Maler:   Bouguereau.   Man   war   im   Museum   deutlich   der   Meinung,   dass Bouguereau   keine   große   Rolle   in   der   Kunstgeschichte   gespielt   hatte;   er war abseits der Hauproute platziert. Um   zu   verstehen,   warum   das   so   ist,   muss   man   eigentlich   wieder   zurück zum    Erdgeschoss    von    Musée    d‘Orsay,    zu    den    Bildern    von    Gustave Courbet,   dem   großen   Realisten.   Er   war   in   seiner   Zeit   viel   weniger   wichtig als   Bouguereau:   auf   der   Weltausstellung   1878   hatte   Bouguereau   einen ganzen   Saal   für   seine   12   Gemälde   alleine   bekommen,   Courbet   durfte   nur ein Gemälde zeigen. Museumskuratoren    sehen    das    jetzt    anders.    Wenn    man    vergleicht,    wie beide   Künstler   die   weibliche   Nacktheit   gemalt   haben,   dann   versteht   man viel   von   den   großen   Kulturkämpfen   aus   der   damaligen   Zeit,   und   wie   unser Denken   über   Kunst   heute   noch   davon   beeinflusst   werden.   Die   weibliche Nacktheit    war    ab    Mitte    des    19.    Jahrhundert    zur    wichtigste   Akt    in    der westlichen   Kunst.   In   Frankreich,   in   Paris,   wurde   so   viele   weibliche   Akten gemalt   wie   nie   zuvor.   Man   kann   sogar   sagen:   es   hatte   in   Paris   eine   Art therapeutische   Funktion.   Die   viktorianische   Zeit   war   extrem   prüde,   aber   in der   Malerei   war   viel   mehr   erlaubt   als   in   der   normalen   gesellschaftlichen Öffentlichkeit.    Maler    mussten    sich    aber    an    bestimmten    Regel    halten. Nacktheit   sollte   idealisiert   werden,   erinnern   an   der   Antike,   aussehen   wie eine    Marmorstatue    und    Teil    einer    historischen    oder    mythologischen Erzählung sein. Bouguereau   hat   gut   verstanden,   wie   er   dieses   Gleichgewicht   zwischen erotischem   Verlangen   und   gesellschaftlichen Tabus   schaffen   konnte.   Damit wurde   er   in   der Akademie   der   Künste   sehr   geschätzt,   aber   auch   im   Salon, dem    Kunstmarkt,    wo    seine    Gemälden    besonders    bei    Millionären    aus Amerika    geliebt    wurden.    Courbet    dagegen    wollte    nichts    idealisieren. Courbet   malte   zum   Beispiel   eine   junge   Frau   im   Meer,   mit   einem   kleinen bisschen   Haar   unter   ihrem   Arm.   Achselhaare   durfte   man   eigentlich   bei einem   weiblichen   Akt   nicht   malen.   Er   hatte   auch   noch   die   Brustwarzen ganz   realistisch   gemalt,   nicht   wie   Porzellan,   sondern   mit   kleinen   blauen Adern. Für   uns   sieht   das   ganz   bescheiden   aus,   aber   er   machte   damit   ein   starkes Statement.   Er   rebellierte   gegen   die   Idealisierung   der   Akademie   und   damit gegen   das   Kunstsystem   seiner   Zeit.   Er   wollte   die   ‘nackte   Wahrheit’   malen, die   reale   Nacktheit.   Für   Courbet   war   die   Idealisierung,   so   wie   es   in   der klassizistischen   Tradition    Pflicht    geworden    war,    zu    weit    gegangen.    Die klassische   Schönheit   war   durch   die   Kommerzialisierung   und   gedankenlose Wiederholung    eine    Lüge    geworden.    Heutzutage    finden    wir    es    ziemlich normal,   dass   ein   Künstler   sozusagen   ein   Kritiker   ist,   ein   Rebell,   der   nicht nur   mit   der   Form   experimentiert,   sondern   damit   auch   gesellschaftlich   etwas bewegen möchte. Courbet war einer der Ersten. III. Anti-modern ist auch modern Es   wird   meistens   so   dargestellt,   als   rebellierte   Courbet   gegen   Künstler   wie Bouguereau,   aber   das   ist   historisch   gesehen   zu   einfach.   Bouguereau   war genauso     eine     Reaktion     auf     Künstler     wie     Courbet.     Sein     Stil     von Übertreibung,   seine   Over   the   top-Ästhetik,   seine   technische   Perfektion   und seine   Themenwahl,   kann   man   nicht   verstehen   ohne   das   Aufkommen   der neuen Stile am Ende des 19. Jahrhunderts. Der    traditionelle    Maler    Bouguereau    wollte    auch    einer    der    modernen Künstler   sein,   aber   anders   modern.   Bouguereau   und   andere   Akademie- Maler   wollten   eine Art   konservative   Revolution,   um   damit   die   akademische Tradition,   die   sich   seit   dem   Anfang   des   19.   Jahrhundert   deutlich   in   einer Krise   befand,   retten   zu   können.   Er   stellte   sich   darum   bewusst   gegen   die neuen   Stile,   so   wie   gegen   die   von   Courbet.   Realismus   fand   Bouguereau abscheulich:   er   wollte   die   Kunst   schöner   machen   als   die   reale   Welt:   in seinen   Gemälden   wollte   er   die   klassizistische   Einheit   vom   Guten,   Schönen und   Wahre   wieder   herstellen,   so   lautetet   seine   eigene   Begründung,   warum er so viele nackten Frauen malte. Aber   warum   sieht   seine   Kunst   dann   so   over   the   top   aus,   und   nicht   subtil wie   zum   Beispiel   sein   großes   Vorbild   Titian?   Weil   Maler   wie   Bouguereau auch   von   einem   großen   Publikum   gesehen   werden   wollten.   Die   Krise   der Akademiekunst     und     das     Aufkommen     des     modernen     Kunstmarktes bedeutete,   dass   akademische   Maler   nicht   mehr   automatisch   Aufträge   vom Staat     bekamen.     Sie     mussten     sich     auf     dem     neuen     kommerziellen Kunstmarkt   für   ein   neues   bürgerliches   Publikum   behaupten.   Sie   mussten gekauft    werden    und    ihr    Publikum    war    der    wichtigste    Teil    einer    neuen gesellschaftlichen     Schicht:     neureiche     Händler     und     Industriellen,     aus Frankreich, aber auch immer mehr aus Amerika. Bouguereau   wollte   die   Tradition   retten,   aber   um   sie   zu   retten   wollte   er   sie an   die   neuen   Käufer   anpassen.   Er   hat   sie   darum   übertrieben.   Er   malte extra   ausdruckstarke   Effekte,   um   die   Tradition   modern   zu   machen.   Die typische   Ästhetik   von   „Nymphes   et   Satyre“   muss   man   in   diesem   Kontext verstehen.   Bouguereau   war   noch   relativ   jung   und   gerade   dabei,   seinen   Stil neu   zu   erfinden.   Hiermit   wollte   er   auf   dem   Salon   von   1873 Aufmerksamkeit erzeugen und bekannter werden.  Obwohl   das   Bild   traditionell   aussieht,   ist   das   traditionelle   Thema   komplett umgedreht.   Das Thema   wurde   auch   schon   im   17.   Jahrhundert   gemalt,   zum Beispiel   von   Nicolas   Poussin.   Poussin   aber   malte   die   klassische   Version: der   Satyre   jagt   die   Nymphe,   ein   Mann   erobert   eine   Frau.   Im   Bild   von Bouguereau   gibt   es   vier   Frauen   die   einen   Mann   fassen   und   ins   Wasser werfen   wollen.   Es   könnte   sogar   sein   Ende   bedeuten,   weil   ein   Satyr,   und das wusste Bouguereau, laut der Mythologie nicht schwimmen kann. Das    war    Bouguereaus    Modernität:    er    spielte    mit    der    Umkehrung    der Tradition   um Aufmerksamkeit   zu   erzeugen,   aber   er   wusste,   wo   die   Grenze lag.    Bouguereau    verarbeitete    wahrscheinlich    bewusst    neue    gewagte Theorien   über   die   Gefahr   der   weiblichen   Sexualität   im   Bild   sowie   andere Maler   das   mit   dem   Femme   Fatale-Thema   gemacht   haben.   Grundsätzlich bleibt   aber   bei   ihm   alles   harmlosund   konform   der   konservativen   Norm:   er möchte   den   männlichen   Käufer   mit   dem   Gedanken   an   weibliche   Dominanz „teasen“,   aber   letztendlich   bleibt   die   Frau   im   Bild   als   erotisches   Objekt   dem männlichen   Blick   untergeordnet,   genau   wie   es   gesellschaftlich   akzeptiert war. IV. Die Reise beginnt In   der   ersten   Rezeption   vom   ‘Nymphes   et   satyre’   ist   der   große   Kulturkampf der   Zeit   deutlich   zu   sehen:   Emile   Zola   hat   später   über   Bouguereaus   Form der   Schönheit   gesagt,   dass   es   ‘alle   Wahrheit   entbehrt’,   unecht   ist   -   er   war deutlich    ein    Courbet-Anhänger.   Aber    Charles    Garnier,    der    später    sehr erfolgreicher   neoklassizistische   Architekt,   sah   Bouguereau   als   ein   großes Talent,   und   sein   Bild   als   eine   gelungene   Variation   auf   ein   traditionsreiches Thema. Bouguereaus    Plan    war    aufgegangen:    seine    Reputation    wuchs    ab    jetzt richtig    und    damit    auch    das    Interesse    von    Kunstsammler.    Das    Bild „Nymphes   et   Satyre“   wurde   direkt   nach   dem   Salon   von   1873   nach   New York   verkauft.   Ein   schwerreicher   Eisenwarenhändler   erwarb   es.   Es   blieb   17 Jahre   in   seiner   Sammlung   bis   Bouguereau   noch   viel   berühmter   geworden war.   Dann   wurde   es   1890   für   noch   mehr   Geld   an   einem   Hoteleigentümer   in New   York   verkauft,   womit   eine   ganz   neue   Phase   anfing,   die   viel   aussagt über den geänderten Status der akademischen Kunst. Der   neue   Eigentümer   hing   „Nymphes   et   satyre“   in   seiner   Hotelbar   auf.   Das Hotel   stand   an   der   Ecke   vom   Broadway   und   spielte   eine   wichtige   Rolle   im neuen   Nachtleben   von   New   York.   Das   Bild   wurde   in   kurzer   Zeit   stadtweit berühmt    und    löste    eine    Mode    aus:    -    in    vielen    Städten    wurden    jetzt akademische   Nackte   in   Hotelbars   aufgehängt.   ‘Nymphes   et   satyre’   bekam damit   eine   unerwartete   neue   Rolle.   Der   Bar   waren   males   only,   aber   Frauen dürften    vormittags    unter    Begleitung    auch    mal    schauen.    In    der    prüden amerikanischen     Kultur     konnte     es     in     diesen     Jahren     darum     als provozierendes und auch befreiendes Bild gesehen werden. In    der    Kunstwelt    verlor    es    aber    immer    mehr    an    Bedeutung.    Während Bouguereau’s   Nymphen   auf   dem   Broadway   berühmt   wurden,   wurden   in der   Kunstwelt   die   ehemaligen   Rebellen,   die   Impressionisten,   zum   neuen Standard    für    die    neu    entstandene    städtische    Mittelschicht    -    obwohl    in gemäßigter   Form.   Als   am   Anfang   des   20.   Jahrhundert   das   Hotel   in   New York   pleite   ging   und   das   Gemälde   in   einem   Keller   verschwand,   ging   es   in Frankreich   schon   bergab   mit   Bouguereau’s   Reputation.   Er   bekam   1905 zwar   noch   eine   Staatsbestattung,   aber   kurz   danach   wird   er   in   den   Büchern über   Kunstgeschichte   nicht   mehr   erwähnt.   Die   meisten   seiner   Gemälde werden    aus    den    Museumsälen    entfernt    und    spielten    auch    auf    dem Kunstmarkt keine Rolle mehr. V. Kunst muss wehtun Als   Bouguereau   starb,   wurde   Courbets   Kunstauffassung   immer   deutlicher zum   Vorbild   für   junge   Künstler.   Diese   neue   Rolle   der   Kunst   kann   man direkt   zurückverfolgen   in   der   Art   wie   die   menschliche   Nacktheit   ab   jetzt gemalt   wird.   1913   wurde   in   New   York   ein   neuer   Aktaus   Paris   ausgestellt. Der   Künstler:   Marcel   Duchamp.   Bei   ihm   gibt   es   keine   Idealisierung   der Frau   wie   in   „Nymphes   et   satyre“,   eher   das   Gegenteil.   Sein Akt   ist   in   kleine Stückchen   aufgeteilt,   und   ein   mythologische   Kontext   fehlt   auch:   er   läuft   der Treppe   runter,   alltäglicher   geht’s   nicht.   In   Wien   fängt   im   gleichen   Moment Egon   Schiele   an,   seinen   eigenen   nackten   Körper   zu   malen.   Nackt   ist   hier nicht   weiblich,   nicht   idealisiert   oder   schön   poliert,   aber   männlich,   kantig und   in   gewisser   Weise   bewusst   ‘hässlich’   gemacht.   Schiele   will   die   Welt nicht   aufpolieren   wie   die   Neoklassizisten,   und   er   will   auch   keine   erotischen Tagträume   für   amerikanische   Millionäre   malen.   Der   Akt   hat   bei   ihm   eine psychologische   Bedeutung,   es   geht   ihm   um   den   Körper   als Ausdruck   eines seelischen Schmerzes. Die   Idee   von   der   idealisierten   Nacktheit,   von   weiblicher   Schönheit   als   eine ‘angenehme   Sensation’   für   männliche   Betrachter,   war   jetzt   ‘bourgeois’   und ‘kommerziell’   geworden.   Sie   war   ab   jetzt   das   Gegenteil   von   ‘echter   Kunst’. Die    akademische    Form    von    Schönheit    galt    damals    als    Lüge    eines lügenhaften    Zeitalters,    des    Endes    vom    19.    Jahrhundert,    das    endgültig vorbei sein sollte. Das    Wort    ‘Kitsch’    wird    jetzt    immer    mehr    als    kämpferisches    Begriff eingesetzt.   Den   Begriff   gab   es   schon   seit   ungefähr   1870,   aber   damals hatte   er   aber   nur   die   Bedeutung   von   ‘schnell   und   billig   produzierter   Kunst’. Bouguereau   war   damals   noch   kein   Kitsch. Aber   ab   ungefähr   1920   änderte sich   das.   Kunstkritiker   Clement   Greenberg   macht   in   den   1940-er   Jahren sogar    einen    sehr    strengen    Unterschied    zwischen    der    Guten    und    der Schlechten   der   Kunstgeschichte.   Gute   Kunst   aus   dem   19.   Jahrhundert   ist alles   was   in   Richtung   Abstraktion   geht,   Kunst   worauf   man   ‘kauen’   sollte; schlechte   Kunst,   Kitsch,   Bouguereau   war   nicht   nur   plattes,   sentimentales Entertainment,    aber    konnte    sogar    in    Verbindung    gebracht    werden    mit reaktionären politischen Ideologien.
Diese     ideologische     Wut     auf     die     Traditionalisten     war     besonders einflussreich   in   der   Kunstwelt   der   Nachkriegszeit,   und   der   Hauptgrund, wieso    Bouguereau    und    seine    Kollegen    aus    den    europäischen    Museen verschwanden.   Modernismus   wurde   nicht   nur   der   Ausdruck   einer   neuen modernen   Zeit,   sondern   auch   eine   Abrechnung   mit   der   bourgeoisen   Lüge die   zum   Faschismus   geführt   haben   soll.   Dass   das   Gemälde   Nymphes   et satyre“   in   New   York   eine   Weile   eine   eher   progressive   Rolle   gespielt   hatte, wurde   nicht   mehr   erwähnt.   Alles   was   in   der   Nähe   der   historistischen   Stile des 19. Jahrhundert kam, musste weggedrückt werden. Kunst   im   20.   Jahrhundert   sollte   eine   ganz   andere   Aufgabe   haben.   Die Kunst   der   akademische   Künstler   am   Ende   des   19.   Jahrhunderts   wollten sowohl   geschätzt   werden   in   der   Kunstwelt   als   auch   populär   bei   einem breiten   Publikum   sein.   Sie   war   Hochkultur   und   Entertainment   zugleich. Jetzt    aber    musste    Kunst    zum    Nachdenken    bringen,    am    liebsten    ein bisschen   weh   tun.   Schönheit   als   ‘angenehme   Erfahrung’   wurde   abgelehnt. Höchstens   wurde   eine   Form   von   Schönheit   akzeptiert,   die   Immanuel   Kant schon   als   ‘sublim’   umschrieben   hatte   -   umwerfend,   aber   auch   ein   bisschen beängstigend. Bilder   vom   der   weiblichen   Nacktheit   wurden   erneut   zur   Kampfzone.   1960 nennt   der   Kunsthistoriker   Gombrich   Bouguereau   einen   Maler   von   ‘Pin-ups’. Die    Nymphe,    wie    Bouguereau    sie    zum    Vergnügen    eines    männlichen Publikums   gemalt   hat,   gehört   nicht   mehr   zum   Bereich   der   Kunst,   aber   zur populären   Kultur.   Die   Nymphe   ist   zum   Playboy-Bunny   geworden.   Wenn   in den   60er   und   70er   Jahren   der   menschliche   Körper   eine   Rolle   spielt,   dann als    Konfrontation,    Schmerz,    wie    in    der    Performance-Kunst    von    Marina Abramovic    und    Paul    McCarthy.    Der    Körper    wird    benutzt    um    etwas Kritisches rüber zu bringen, nicht um zu „pleasen“. Die   Kunstwelt   ist   damit   auch   eine   ziemlich   elitäre   Welt   geworden,   wobei studierte     Kunsthistoriker     und     Kuratoren     bestimmen     was     ‘gut’     oder ‘schlecht’   ist.   Gute   Kunst   ist   dabei   eher   progressiv;   Bouguereau   und   seine Freunde,   eigentlich   die   ganze   traditionell-figurative   Malerei,   wird   als   eher rechts   konservativ   eingestuft,   oder   sogar   reaktionär.   Bouguereau   ist   nicht mehr   nur   altmodisch,   er   ist   ein   Feind   der   Kunstwelt   geworden;   gefährlicher Kitsch. VI. Ende der ideologischen Kriegführung Nichts   ist   ewig,   auch   nicht   in   der   Kunstwelt.   Das   Bild   „Nymphes   et   Satyre“ taucht   in   den   1960-er   Jahre   zum   ersten   Mal   wieder   in   einem   Museum   auf: im   „The   Clark   Museum“   in   Williamstown   in   Amerika.   Zwanzig   Jahre   später ist    Bouguereaus    Werk    bei    den    Besuchern    zu    einem    populären    Bild geworden,    nicht    weniger    wie    die    Impressionisten    wofür    das    Museum bekannt   ist.   Wieder   dreißig   Jahren   später,   2014,   habe   ich   das   Gemälde   im Metropolitan    Museum    of    Art    gesehen.    The    Met    hatte    es    vom    Clark ausgeliehen   und   in   einer   Ausstellung   über   die   Kunstwelt   Ende   des   19. Jahrhundert    in    New    York    aufgehängt.    In    fünfzig    Jahren    hat    sich    die Reputation dieses Bild also ziemlich geändert. Wie ist das möglich? Um   diese   Frage   beantworten   zu   können,   habe   ich   mehrere   Experten   aus der   Kunstwelt   interviewt.   Ein   Konservator   von   Musée   d’Orsay   erklärte   die Geschmacksänderung   damit,   dass   im   21.   Jahrhundert   der   ideologische Kampf   aus   der   Nachkriegszeit,   wobei   die   Modernisten   mit   der   Lüge   der Bourgeoisie   abrechnen   wollten,   nicht   mehr   nötig   war.   „Der   ideologische Krieg   der   Kunstgeschichte   ist   einfach   vorbei.   Die   Bourgeoisie   muss   nicht mehr    umgebracht    werden.“    Damit    ist    mehr    Raum    gekommen,    um    das Ende     des     19.     Jahrhundert     wieder     offener     zu     betrachten.,     Darum bekommen   andere   Stile   als   nur   diejenigen,   die   zum   Fortschritt   führen,   in Museen wieder mehr Platz. Und   tatsächlich,   als   ich   2015   im   Musée   d’Orsay   war,   hatte   Bouguereau einen   eigenen,   kleinen   Saal   mit   fünf   Gemälden   bekommen,   darunter   auch das     Venus-Gemälde,     das     zehn     Jahre     zuvor     noch     weggesteckt     im kitschigen    Festsaal    hing.    Der    Saal    befindet    sich    im    Erdgeschoss,    als Nachfolger   der   Neoklassizisten,   genau   wie   er   das   selber   gerne   gesehen hätte.   Im   Musée   d‘Orsay   gibt   es   heute   also   die   Möglichkeit,   beide   Seiten des   19.   Jahrhunderts   zu   sehen   und   selber   eine   Entscheidung   zu   treffen, was man ‘schön’ findet. Wichtig   ist   aber   auch   die   Rolle   des   Kunstmarkts.   Bei   Sotheby’s   New   York hat   mir   die   Expertin   für   das   19.   Jahrhundert   erzählt,   wie   akademische Künstler    seit    den    1980-er    wieder    höhere    Preisen    erzielt    haben.    Sie betrachtete   das   ganz   pragmatisch:   weil   Impressionisten   für   die   meisten Sammler    zu    teuer    geworden    sind,    hat    die    Suche    nach    unbekannterer Kunst   des   19.   Jahrhunderts   angefangen   u.a.   die   akademische   Malerei. Das   hat   aber   deutlich   auch   eine   Folge   für   die   Bekanntheit   solche   Maler. Bouguereau’s   „Nymphes   et   satyre“   wird   jetzt   auf   etwa   zehn   Million   Dollar geschätzt     und     manche     anderen     erreichen     sogar     das     Niveau     der Impressionisten,    so    wie    es    Laurens    Alma-Tadema    vor    einigen    Jahren passierte,    als    eines    seiner    Gemälde    für    35    Millionen    Dollar    versteigert wurde.   Kunstmarkt   und   Museen   sind   dabei   zwei   Seiten   von   der   gleichen Medaille:    wenn    etwas    viel    Wert    ist,    steigt    die    Aufmerksamkeit    von Museumsbesucher;    wenn    aber    etwas    im    Museum    hängt,    steigt    sein kommerzieller Wert. VII. Rückkehr der Schönheit Am   spannendsten   finde   ich   aber   den   Einfluss   von   aktuellen   künstlerischen Entwicklungen     auf     die     Betrachtung     der     Kunstgeschichte     des     19. Jahrhunderts.   Das   Ende   der   großen   Ideologien   spiegelt   sich   auch   seit   der neunziger   Jahre   in   der   Gegenwartskunst.   Mehrere   Trends   sind   dabei   zu beobachten,    die    direkten    Einfluss    darauf    gehabt    haben    wie    in    der Kunstwelt   der   umkämpfte   und   fast   vergessene   Begriff   Schönheit   gesehen wurde. Zum   ersten   gab   es   den Aufstieg   von   Jeff   Koons   als   bekanntesten   Künstler unserer   Zeit,   und   damit   die   Verbreitung   seiner   Sichtweise   auf   Kunst,   Kitsch und   populäre   Kultur.   Koons   mag   es   glatt   und   sentimental,   und   obwohl   die Kunstkritiker   meinen,   dass   er   seine   Bilder   ‘ironisch’   meint,   sieht   er   das selber   ziemlich   ernst:   ein   Bild   darf   angenehm   aussehen,   sogar   schön   sein, sagt   Koons,   und   ‘ein   gutes   Gefühl’   beim   Publikum   hervorrufen.   Für   ihn kann       darum       jedes       Bild       einen       ästhetischen       Wert       haben. Kunstgeschichtliche   Hierarchie   ist   ihm   egal.   Er   sammelt   darum   Zuhause sowohl Bouguereau als Manet, den Vorläufer der Modernisten. Zum    zweiten    gab    es    in    den    Neunzigern    die    Rückkehr    der    figurativen Malerei   in   der   postmodernen   Gegenwartskunst.   Genauso   wie   bei   Koons, wurde    hier    auch    wieder    ‘angenehme    Schönheit’    als    Stilmittel    benutzt. Sogar   die   weibliche   Nacktheit   kehrte   wieder   zurück,   selbst   in   idealisierter, fast   ‘soft-erotischer’   Form   wie   Bouguereau   das   auch   gemacht   hatte.   So   wie in     die     Nackten     vom     deutschen     Malern     Martin     Eder     oder     dem amerikanischen   John   Currin.   Diese   Entwicklung   hat   ohne   Zweifel   dafür gesorgt,   dass   Kunstkritiker   die   ‘kitschige’   Kunst   aus   dem   19.   Jahrhundert wieder   neu   betrachteten,   obwohl   dann   mit   einem Augenzwinkern,   wie   man das von Jeff Koons, Eder und Currin gelernt hatte. VII. Tradition als politisches Statement Weniger   Beobachtung   von   den   Kunstmedien,   aber   journalistisch   genauso spannend,   hat   eine   Entwicklung   ziemlich   abseits   der   ‘offizielle’   Kunstwelt begonnen:   Weg   von   den   großen   Kunstmuseen   und   den   Debatten   über postmodernes   Augenzwinkern,   ist   eine   parallele   Kunstwelt   aufgekommen: die   der   Traditionell-Realisten.   Es   fing   Ende   des   20.   Jahrhunderts   klein   an als   Reaktion   auf   die   Dominanz   der   Modernisten   in   der   Kunstwelt. Aber   jetzt gibt   es   schon   mehrere   Galerien,   Kunstbörsen   und   sogar   Museen   die   sich der     traditionellen     realistischen     Malerei     widmen.     In     dieser     ‘anderen’ Kunstwelt   sucht   man   nach   geeigneten   Vorläufern.   Bouguereau   ist   hier   die letzten Jahre als einer der Wichtigsten aufgestiegen. Das   Internet   spielt   in   dieser   Bewegung   eine   entscheidende   Rolle:   es   sorgt für   die   Demokratisierung   von   Kunstgeschmack.   Nicht   der   professionelle Kritiker   in   einer   Zeitung   entscheidet   hier   was   gut   ist,   aber   der   Blogger   -   und wenn   er   viele   Follower   kriegt,   kriegt   er   auch   echten   Einfluss   in   der   realen Welt. Bouguereau     hat     im     Internet     eine     ganz     aktuelle     Rolle     bekommen. Besonders   die   amerikanische   Webseite   „Art   Renewal   Center“   ist   dabei sehr   aktiv   und   mit   fünf   Million   Besucher   pro   Jahr   tatsächlich   einflussreich. Die     Organisation,     gegründet     von     einem     Millionär,     der     auch     mit akademischer    Kunst    handelt,    hat    Bouguereau    als    der    Stammvater    der heutigen Traditionell-Realisten ausgerufen. Es    ist    seine    Lebensaufgabe,    Bouguereau    und    nicht    Courbet    oder    Van Gogh    zum    wichtigsten    Künstler    des    19.    Jahrhunderts    zu    machen.    Er erzählte   mir,   dass   er   die   Kunstgeschichte   neu   geschrieben   haben   möchte. Er   bekämpft   die   modernistische   Auffassung   von   Kunst,   das   Kunst   kritisch sein   muss,   weh   tun   muss.   Er   will,   dass   Kunst   wieder   als   eine   ‘universale Sprache’    gesehen    wird,    wobei    Schönheit    wieder    als    eher    idealistische Schönheit    aufgefasst    wird,    verwurzelt    in    der    klassischen    Tradition    der Einheit vom Guten, Wahren und Schönen. Diese   ‘Wiederentdeckung’   der   Tradition   klingt   in   diesen   Kreisen   manchmal sogar   wie   eine   politische   Überzeugung.   Wenn   man   Bouguereau   googelt, kommt   man   auf   Webseiten   von   Liebhaber   von   Bouguereau,   die   mit   großer Wut    auf    die    heutige    Kunstwelt    schimpfen.    Bouguereau    wird    dabei    als ‘Künstler   des   Volkes’   gesehen.   Diese   ‘anti-modernistische’   Bewegung   ist damit    zugleich    eine    ‘anti-elitäre’    Bewegung.    Und    weil    die    Kunstelite meistens   eine   liberale   Elite   ist,   scheint   es   fast   eine   parallele   Entwicklung   zu sein   mit   den   politischen-gesellschaftlichen   Trend   Richtung   rechts   in   den USA und Europa. VIII. Wieder ganz nach oben? Die    Frage    ist    natürlich,    ob    die    neue    Bouguereau-Anhänger    auch    echt kriegen,    was    sie    wollen.    Wird    Bouguereau    wieder    ganz    nach    oben kommen, nicht nur im Internet, sondern auch in den Kunstmuseen? Die   Kunsthistoriker,   die   ich   das   gefragt   habe,   sind   darin   ganz   eindeutig: nein.   Bouguereau   und   all   die   anderen   figurativen,   akademischen   Maler   des 19.    Jahrhunderts    dürfen    im    Großen    Ganzen    wieder    mitmachen,    aber werden    damit    nicht    ganz    oben    ankommen.    Warum    nicht?    Weil    für Bouguereau   genau   das   gilt,   was   auch   für   die   Auffassung   von   Schönheit   in der   Gegenwartskunst   gilt:   angenehme   Schönheit   darf   wieder   sein,   aber das 20. Jahrhundert ist damit nicht vergessen. Nehmen    wir    ein    Bild    vom    amerikanischen    Maler    John    Currin,    diese groteske   Venus   von   1998.   Das   Bild   nützt   Schönheit,   gleichzeitig   will   es   den Schönheitskultus   in   unserer   Kultur   kritisieren.   Das   ist   ein   Gedankengang, der   auch   heute   noch   typisch   für   die   Gegenwartskunst   ist.   Man   darf   wieder Schönheit   nutzen,   aber   gleichzeitig   kritisiert   man   damit   das   Thema.   Es   ist ein Stilmittel geworden, genauso wie die Hässlichkeit es ist. Natürlich   kann   man   sich   fragen,   ob   das   nicht   ein   ‘Trick’   ist,   um   neureichen Kunstkäufern   zu   gefallen,   ohne   die   hochgelehrten   Kunstkritiker   zu   ärgern. Aber   die   Bedeutung   dafür   ist   klar:   die   Rückkehr   von   Schönheit   bedeutet kein   Ende   vom   modernistische   Konzept   der   Kunst   -   die   Funktion   von   Kunst als   ‘Kritik’,   wie   es   im   20.   Jahrhundert   üblich   geworden   ist,   ist   damit   noch immer entscheidend. Die   Kunstauffassung   des   20.   Jahrhundert   wird   nicht   ausgeblendet   oder neu   geschrieben,   wie   das   Art   Renewal   Center   das   gerne   hätte   -   man   baut darauf   weiter   auf.   Darum   ist   für   die   ‘Kunstelite’   die   Neuschätzung   von Bouguereau   ‘nur’   eine   Schätzung   mit   einem   Augenzwinkern.   Wie   man   es im   Clark   Museum   formuliert:   Die   „Nymphes   et   satyr“e,   so   sentimental, opulent und politisch inkorrekt, ist ein guilty pleasure.’ Bouguereau,   vor   140   Jahre   noch   das   Inbegriff   des   Establishments,   kann heutzutage    die    Rolle    von    Außenseiter    annehmen,    und    seine    süßliche Schönheit    als    eine   Art    von    Provokation    -    eine    Provokation    des    guten Geschmacks,   wie   man   mir   im   Musée   d’Orsay   erzählt   hat.   Die   Ironie:   in einer   Kunstwelt,   in   der   ‘Provokation’   ein   Qualitätsmerkmal,   aber   zugleich ziemlich   vorhersehbar   geworden   ist,   kann   sich   ein   Kunstkurator   wieder   ein bisschen   rebellisch   fühlen,   wenn   er   Bouguereau   aufhängt.   Und   für   einen Kunstjournalisten,   der   ein   Buch   über   dessen   Gemälde   schreibt,   gilt   das natürlich genauso.
Merlijn Schoonenboom Was ist schön? Warum ein Gemälde innerhalb von 150 Jahre erst Kunst dann Kitsch und dann wieder Kunst werden konnte I. Warum Geschmack sich ändert Was   ist   schön?   Das   ist   natürlich   eine   viel   zu   große   Frage,   die   ich   für   heute ausgewählt   habe.   Darf   man   die   Frage   überhaupt   noch   stellen?   Wir   stellen sie einfach mal so im Raum. Es   gibt   ein   Bild,   das   ich   dazu   ausgewählt   habe.   Vielleicht   müssen   Sie   ein bisschen   darüber   lachen.   Es   ist   das   Gemälde   „Nymphes   et   Satyre“,   das der französische Maler William-Adolphe Bouguereau 1873 gemalt hat. Das    Bild    zeigt    viel    weibliche    Nacktheit,    ist    ziemlich    “glatt’        und    sehr idealisiert   gemalt.   Eine Art   ‘angenehme   süssliche   Schönheit’,   die   man   eher mit   Kitsch   in   Verbindung   bringt. Auch   ich   musste   darüber   lachen,   und   muss das   immer   noch.   Ich   habe   dieses   Bild   als   Reproduktion   in   einem   Laden kennengelernt,   der   sich   „Billig   &   Gut“   nannte.   Irgendwie   war   ich   jedoch   von dem   Bild      so   fasziniert,   dass   Jahre   später   ein   Buch   daraus   entstanden   ist, weil   ich   entdeckte,   dass   es   zu   diesem   Bild   viel   mehr   zu   sagen   gibt,   als   man auf den ersten Blick denken würde. Ich   habe   die   Geschichte   dieses   Bildes   der   letzten   140   Jahre   verfolgt,   bin von    Paris    nach    New   York    gereist    und    von    Rotterdam    nach    Wien.    Mit diesem   Bild   stellt   sich   die   Frage,   warum   ästhetischer   Geschmack   sich ändert.     Es     wurde     Ende     des     19.     Jahrhunderts     als     höchste     Kunst empfunden.     Bouguereau     war     der     Jeff     Koons     seiner     Zeit     und     der bekannteste   und   einer   der   reichsten   Künstler   von   Paris,   und   auch   einer   der mächtigsten    Künstler.    Er    war    der    Mann,    der    in    der    einflussreichen Académie   des   Beaux-Arts   in   Paris   das   Sagen   hatte.   Nach   1910   galt   das Gemälde   aber   als   der   größte   Kitsch.   Aber   seit   ungefähr   10   Jahren   gibt   es wieder    eine    Änderung;    das    Gemälde    ist    wieder    zurück    in    wichtigen Kunstmuseen.   Und   im   Internet   hat   Bouguereau   sogar   eine   ganz   aktuelle gesellschaftspolitische Bedeutung bekommen. Also: wie kann sich Geschmack in 140 Jahre so radikal ändern? II. Die weibliche Nacktheit als Kampfzone Wie    das    passieren    konnte,    hat    sehr    viel    mit    der    Geschichte    des    20. Jahrhundert    zu    tun    und    mit    gesellschaftlichen    Änderungen        und    mit politisch-ideologische Verschiebungen. Mein   Interesse   an   diesem   Thema   wuchs   als   ich   2001   als   Kunstjournalist bei    der    Volkskrant    arbeitet,    eine    leitende    überregionale    Zeitung    in    den Niederlanden.    Ich    bin    selber    kein    Kunsthistoriker,    aber    Kulturhistoriker. Vielleicht   fiel   es   mir   darum   besonders   auf,   dass   in   einer   Kunstredaktion ungeschriebene   Gesetze   gibt,   über   was   man   als   gut   empfinden   und   was als   schlecht   soll.   Ehrlich   gesagt   hat   es   mich   gewundert,   dass   dies   vielen meiner Kollegen nicht bewusst war. Mich   interessieren   genau   solche   ungeschriebenen   Gesetze   der   Kunstwelt. Ein      perfektes      Museum,      um      die      Hintergründe      der      modernen Kunstgeschichte   zu   erfahren,   ist   das   Musée   d’Orsay   in   Paris.   Es   ist   das wichtigste   Museum   für   die   Kunst   des   19.   Jahrhunderts.   Die   Präsentation der   Kunst   sagt   aber   auch   viel   darüber   aus,   wie   wir   in   unserer   eigenen   Zeit über      Kunst      denken.      Es      ist      aufgebaut      nach      dem      wichtigsten ungeschriebenen   Gesetz   der   Kunstgeschichte   des   20.   Jahrhunderts:   es gibt    Fortschritt    in    der    Kunstgeschichte,    und    manche    Maler    treiben    ihn voran, andere bleiben im Abseits stecken. Im   Erdgeschoss   sind   unterschiedliche   Stile   aus   Anfang   und   Mitte   des   19. Jahrhunderts   zu   finden,   vom   Neoklassizismus   bis   zum   Realismus.   Es   wird aber   direkt   deutlich   gemacht,   dass   Letzterer   ‘wichtiger’   ist   als   der   Ersterer. Geht   man   nach   oben,   wird   es   moderner   und   somit   immer   „besser“:   die Impressionisten,   die   Post-Impressionisten.   Andere   Strömungen   -   die   es natürlich   auch   gab   -   sieht   man   nicht   mehr.   Eigentlich   zeigt   man   nur   noch eine Richtung der Kunst: Richtung Abstraktion, Richtung Experiment. Als   ich   vor   zehn   Jahre   einmal   im   Museum   rumlief,   landete   ich   in   einem leeren   Saal   im   ersten   Stock,   der   Festsaal.   Niemand   war   da,   die   Wänden waren   voller   Gold   und   Spiegel.   Etwas   weggesteckt   in   einer   Ecke   stand   ein riesiges   Venus-Gemälde,   das   genauso   glänzte   wie   das   Gold   an   der   Wand. Der   Maler:   Bouguereau.   Man   war   im   Museum   deutlich   der   Meinung,   dass Bouguereau   keine   große   Rolle   in   der   Kunstgeschichte   gespielt   hatte;   er war abseits der Hauproute platziert. Um   zu   verstehen,   warum   das   so   ist,   muss   man   eigentlich   wieder   zurück zum    Erdgeschoss    von    Musée    d‘Orsay,    zu    den    Bildern    von    Gustave Courbet,   dem   großen   Realisten.   Er   war   in   seiner   Zeit   viel   weniger   wichtig als   Bouguereau:   auf   der   Weltausstellung   1878   hatte   Bouguereau   einen ganzen   Saal   für   seine   12   Gemälde   alleine   bekommen,   Courbet   durfte   nur ein Gemälde zeigen. Museumskuratoren    sehen    das    jetzt    anders.    Wenn    man    vergleicht,    wie beide   Künstler   die   weibliche   Nacktheit   gemalt   haben,   dann   versteht   man viel   von   den   großen   Kulturkämpfen   aus   der   damaligen   Zeit,   und   wie   unser Denken   über   Kunst   heute   noch   davon   beeinflusst   werden.   Die   weibliche Nacktheit    war    ab    Mitte    des    19.    Jahrhundert    zur    wichtigste   Akt    in    der westlichen   Kunst.   In   Frankreich,   in   Paris,   wurde   so   viele   weibliche   Akten gemalt   wie   nie   zuvor.   Man   kann   sogar   sagen:   es   hatte   in   Paris   eine   Art therapeutische   Funktion.   Die   viktorianische   Zeit   war   extrem   prüde,   aber   in der   Malerei   war   viel   mehr   erlaubt   als   in   der   normalen   gesellschaftlichen Öffentlichkeit.    Maler    mussten    sich    aber    an    bestimmten    Regel    halten. Nacktheit   sollte   idealisiert   werden,   erinnern   an   der   Antike,   aussehen   wie eine    Marmorstatue    und    Teil    einer    historischen    oder    mythologischen Erzählung sein. Bouguereau   hat   gut   verstanden,   wie   er   dieses   Gleichgewicht   zwischen erotischem   Verlangen   und   gesellschaftlichen Tabus   schaffen   konnte.   Damit wurde   er   in   der Akademie   der   Künste   sehr   geschätzt,   aber   auch   im   Salon, dem    Kunstmarkt,    wo    seine    Gemälden    besonders    bei    Millionären    aus Amerika    geliebt    wurden.    Courbet    dagegen    wollte    nichts    idealisieren. Courbet   malte   zum   Beispiel   eine   junge   Frau   im   Meer,   mit   einem   kleinen bisschen   Haar   unter   ihrem   Arm.   Achselhaare   durfte   man   eigentlich   bei einem   weiblichen   Akt   nicht   malen.   Er   hatte   auch   noch   die   Brustwarzen ganz   realistisch   gemalt,   nicht   wie   Porzellan,   sondern   mit   kleinen   blauen Adern. Für   uns   sieht   das   ganz   bescheiden   aus,   aber   er   machte   damit   ein   starkes Statement.   Er   rebellierte   gegen   die   Idealisierung   der   Akademie   und   damit gegen   das   Kunstsystem   seiner   Zeit.   Er   wollte   die   ‘nackte   Wahrheit’   malen, die   reale   Nacktheit.   Für   Courbet   war   die   Idealisierung,   so   wie   es   in   der klassizistischen   Tradition    Pflicht    geworden    war,    zu    weit    gegangen.    Die klassische   Schönheit   war   durch   die   Kommerzialisierung   und   gedankenlose Wiederholung    eine    Lüge    geworden.    Heutzutage    finden    wir    es    ziemlich normal,   dass   ein   Künstler   sozusagen   ein   Kritiker   ist,   ein   Rebell,   der   nicht nur   mit   der   Form   experimentiert,   sondern   damit   auch   gesellschaftlich   etwas bewegen möchte. Courbet war einer der Ersten. III. Anti-modern ist auch modern Es   wird   meistens   so   dargestellt,   als   rebellierte   Courbet   gegen   Künstler   wie Bouguereau,   aber   das   ist   historisch   gesehen   zu   einfach.   Bouguereau   war genauso     eine     Reaktion     auf     Künstler     wie     Courbet.     Sein     Stil     von Übertreibung,   seine   Over   the   top-Ästhetik,   seine   technische   Perfektion   und seine   Themenwahl,   kann   man   nicht   verstehen   ohne   das   Aufkommen   der neuen Stile am Ende des 19. Jahrhunderts. Der    traditionelle    Maler    Bouguereau    wollte    auch    einer    der    modernen Künstler   sein,   aber   anders   modern.   Bouguereau   und   andere   Akademie- Maler   wollten   eine Art   konservative   Revolution,   um   damit   die   akademische Tradition,   die   sich   seit   dem   Anfang   des   19.   Jahrhundert   deutlich   in   einer Krise   befand,   retten   zu   können.   Er   stellte   sich   darum   bewusst   gegen   die neuen   Stile,   so   wie   gegen   die   von   Courbet.   Realismus   fand   Bouguereau abscheulich:   er   wollte   die   Kunst   schöner   machen   als   die   reale   Welt:   in seinen   Gemälden   wollte   er   die   klassizistische   Einheit   vom   Guten,   Schönen und   Wahre   wieder   herstellen,   so   lautetet   seine   eigene   Begründung,   warum er so viele nackten Frauen malte. Aber   warum   sieht   seine   Kunst   dann   so   over   the   top   aus,   und   nicht   subtil wie   zum   Beispiel   sein   großes   Vorbild   Titian?   Weil   Maler   wie   Bouguereau auch   von   einem   großen   Publikum   gesehen   werden   wollten.   Die   Krise   der Akademiekunst     und     das     Aufkommen     des     modernen     Kunstmarktes bedeutete,   dass   akademische   Maler   nicht   mehr   automatisch   Aufträge   vom Staat     bekamen.     Sie     mussten     sich     auf     dem     neuen     kommerziellen Kunstmarkt   für   ein   neues   bürgerliches   Publikum   behaupten.   Sie   mussten gekauft    werden    und    ihr    Publikum    war    der    wichtigste    Teil    einer    neuen gesellschaftlichen     Schicht:     neureiche     Händler     und     Industriellen,     aus Frankreich, aber auch immer mehr aus Amerika. Bouguereau   wollte   die   Tradition   retten,   aber   um   sie   zu   retten   wollte   er   sie an   die   neuen   Käufer   anpassen.   Er   hat   sie   darum   übertrieben.   Er   malte extra   ausdruckstarke   Effekte,   um   die   Tradition   modern   zu   machen.   Die typische   Ästhetik   von   „Nymphes   et   Satyre“   muss   man   in   diesem   Kontext verstehen.   Bouguereau   war   noch   relativ   jung   und   gerade   dabei,   seinen   Stil neu   zu   erfinden.   Hiermit   wollte   er   auf   dem   Salon   von   1873 Aufmerksamkeit erzeugen und bekannter werden.  Obwohl   das   Bild   traditionell   aussieht,   ist   das   traditionelle   Thema   komplett umgedreht.   Das Thema   wurde   auch   schon   im   17.   Jahrhundert   gemalt,   zum Beispiel   von   Nicolas   Poussin.   Poussin   aber   malte   die   klassische   Version: der   Satyre   jagt   die   Nymphe,   ein   Mann   erobert   eine   Frau.   Im   Bild   von Bouguereau   gibt   es   vier   Frauen   die   einen   Mann   fassen   und   ins   Wasser werfen   wollen.   Es   könnte   sogar   sein   Ende   bedeuten,   weil   ein   Satyr,   und das wusste Bouguereau, laut der Mythologie nicht schwimmen kann. Das    war    Bouguereaus    Modernität:    er    spielte    mit    der    Umkehrung    der Tradition   um Aufmerksamkeit   zu   erzeugen,   aber   er   wusste,   wo   die   Grenze lag.    Bouguereau    verarbeitete    wahrscheinlich    bewusst    neue    gewagte Theorien   über   die   Gefahr   der   weiblichen   Sexualität   im   Bild   sowie   andere Maler   das   mit   dem   Femme   Fatale-Thema   gemacht   haben.   Grundsätzlich bleibt   aber   bei   ihm   alles   harmlosund   konform   der   konservativen   Norm:   er möchte   den   männlichen   Käufer   mit   dem   Gedanken   an   weibliche   Dominanz „teasen“,   aber   letztendlich   bleibt   die   Frau   im   Bild   als   erotisches   Objekt   dem männlichen   Blick   untergeordnet,   genau   wie   es   gesellschaftlich   akzeptiert war. IV. Die Reise beginnt In   der   ersten   Rezeption   vom   ‘Nymphes   et   satyre’   ist   der   große   Kulturkampf der   Zeit   deutlich   zu   sehen:   Emile   Zola   hat   später   über   Bouguereaus   Form der   Schönheit   gesagt,   dass   es   ‘alle   Wahrheit   entbehrt’,   unecht   ist   -   er   war deutlich    ein    Courbet-Anhänger.   Aber    Charles    Garnier,    der    später    sehr erfolgreicher   neoklassizistische   Architekt,   sah   Bouguereau   als   ein   großes Talent,   und   sein   Bild   als   eine   gelungene   Variation   auf   ein   traditionsreiches Thema. Bouguereaus    Plan    war    aufgegangen:    seine    Reputation    wuchs    ab    jetzt richtig    und    damit    auch    das    Interesse    von    Kunstsammler.    Das    Bild „Nymphes   et   Satyre“   wurde   direkt   nach   dem   Salon   von   1873   nach   New York verkauft. Ein schwerreicher Eisenwarenhändler erwarb es. Es blieb 17 Jahre   in   seiner   Sammlung   bis   Bouguereau   noch   viel   berühmter   geworden war.   Dann   wurde   es   1890   für   noch   mehr   Geld   an   einem   Hoteleigentümer   in New   York   verkauft,   womit   eine   ganz   neue   Phase   anfing,   die   viel   aussagt über den geänderten Status der akademischen Kunst. Der   neue   Eigentümer   hing   „Nymphes   et   satyre“   in   seiner   Hotelbar   auf.   Das Hotel   stand   an   der   Ecke   vom   Broadway   und   spielte   eine   wichtige   Rolle   im neuen   Nachtleben   von   New   York.   Das   Bild   wurde   in   kurzer   Zeit   stadtweit berühmt    und    löste    eine    Mode    aus:    -    in    vielen    Städten    wurden    jetzt akademische   Nackte   in   Hotelbars   aufgehängt.   ‘Nymphes   et   satyre’   bekam damit   eine   unerwartete   neue   Rolle.   Der   Bar   waren   males   only,   aber   Frauen dürften    vormittags    unter    Begleitung    auch    mal    schauen.    In    der    prüden amerikanischen     Kultur     konnte     es     in     diesen     Jahren     darum     als provozierendes und auch befreiendes Bild gesehen werden. In    der    Kunstwelt    verlor    es    aber    immer    mehr    an    Bedeutung.    Während Bouguereau’s   Nymphen   auf   dem   Broadway   berühmt   wurden,   wurden   in der   Kunstwelt   die   ehemaligen   Rebellen,   die   Impressionisten,   zum   neuen Standard    für    die    neu    entstandene    städtische    Mittelschicht    -    obwohl    in gemäßigter   Form.   Als   am   Anfang   des   20.   Jahrhundert   das   Hotel   in   New York   pleite   ging   und   das   Gemälde   in   einem   Keller   verschwand,   ging   es   in Frankreich   schon   bergab   mit   Bouguereau’s   Reputation.   Er   bekam   1905 zwar   noch   eine   Staatsbestattung,   aber   kurz   danach   wird   er   in   den   Büchern über   Kunstgeschichte   nicht   mehr   erwähnt.   Die   meisten   seiner   Gemälde werden    aus    den    Museumsälen    entfernt    und    spielten    auch    auf    dem Kunstmarkt keine Rolle mehr. V. Kunst muss wehtun Als   Bouguereau   starb,   wurde   Courbets   Kunstauffassung   immer   deutlicher zum   Vorbild   für   junge   Künstler.   Diese   neue   Rolle   der   Kunst   kann   man direkt   zurückverfolgen   in   der   Art   wie   die   menschliche   Nacktheit   ab   jetzt gemalt   wird.   1913   wurde   in   New   York   ein   neuer   Aktaus   Paris   ausgestellt. Der   Künstler:   Marcel   Duchamp.   Bei   ihm   gibt   es   keine   Idealisierung   der Frau   wie   in   „Nymphes   et   satyre“,   eher   das   Gegenteil.   Sein Akt   ist   in   kleine Stückchen   aufgeteilt,   und   ein   mythologische   Kontext   fehlt   auch:   er   läuft   der Treppe   runter,   alltäglicher   geht’s   nicht.   In   Wien   fängt   im   gleichen   Moment Egon   Schiele   an,   seinen   eigenen   nackten   Körper   zu   malen.   Nackt   ist   hier nicht   weiblich,   nicht   idealisiert   oder   schön   poliert,   aber   männlich,   kantig und   in   gewisser   Weise   bewusst   ‘hässlich’   gemacht.   Schiele   will   die   Welt nicht   aufpolieren   wie   die   Neoklassizisten,   und   er   will   auch   keine   erotischen Tagträume   für   amerikanische   Millionäre   malen.   Der   Akt   hat   bei   ihm   eine psychologische   Bedeutung,   es   geht   ihm   um   den   Körper   als Ausdruck   eines seelischen Schmerzes. Die   Idee   von   der   idealisierten   Nacktheit,   von   weiblicher   Schönheit   als   eine ‘angenehme   Sensation’   für   männliche   Betrachter,   war   jetzt   ‘bourgeois’   und ‘kommerziell’   geworden.   Sie   war   ab   jetzt   das   Gegenteil   von   ‘echter   Kunst’. Die    akademische    Form    von    Schönheit    galt    damals    als    Lüge    eines lügenhaften    Zeitalters,    des    Endes    vom    19.    Jahrhundert,    das    endgültig vorbei sein sollte. Das    Wort    ‘Kitsch’    wird    jetzt    immer    mehr    als    kämpferisches    Begriff eingesetzt.   Den   Begriff   gab   es   schon   seit   ungefähr   1870,   aber   damals hatte   er   aber   nur   die   Bedeutung   von   ‘schnell   und   billig   produzierter   Kunst’. Bouguereau   war   damals   noch   kein   Kitsch. Aber   ab   ungefähr   1920   änderte sich   das.   Kunstkritiker   Clement   Greenberg   macht   in   den   1940-er   Jahren sogar    einen    sehr    strengen    Unterschied    zwischen    der    Guten    und    der Schlechten   der   Kunstgeschichte.   Gute   Kunst   aus   dem   19.   Jahrhundert   ist alles   was   in   Richtung   Abstraktion   geht,   Kunst   worauf   man   ‘kauen’   sollte; schlechte   Kunst,   Kitsch,   Bouguereau   war   nicht   nur   plattes,   sentimentales Entertainment,    aber    konnte    sogar    in    Verbindung    gebracht    werden    mit reaktionären politischen Ideologien.
Diese     ideologische     Wut     auf     die     Traditionalisten     war     besonders einflussreich   in   der   Kunstwelt   der   Nachkriegszeit,   und   der   Hauptgrund, wieso    Bouguereau    und    seine    Kollegen    aus    den    europäischen    Museen verschwanden.   Modernismus   wurde   nicht   nur   der   Ausdruck   einer   neuen modernen   Zeit,   sondern   auch   eine   Abrechnung   mit   der   bourgeoisen   Lüge die   zum   Faschismus   geführt   haben   soll.   Dass   das   Gemälde   Nymphes   et satyre“   in   New   York   eine   Weile   eine   eher   progressive   Rolle   gespielt   hatte, wurde   nicht   mehr   erwähnt.   Alles   was   in   der   Nähe   der   historistischen   Stile des 19. Jahrhundert kam, musste weggedrückt werden. Kunst   im   20.   Jahrhundert   sollte   eine   ganz   andere   Aufgabe   haben.   Die Kunst   der   akademische   Künstler   am   Ende   des   19.   Jahrhunderts   wollten sowohl   geschätzt   werden   in   der   Kunstwelt   als   auch   populär   bei   einem breiten   Publikum   sein.   Sie   war   Hochkultur   und   Entertainment   zugleich. Jetzt    aber    musste    Kunst    zum    Nachdenken    bringen,    am    liebsten    ein bisschen   weh   tun.   Schönheit   als   ‘angenehme   Erfahrung’   wurde   abgelehnt. Höchstens   wurde   eine   Form   von   Schönheit   akzeptiert,   die   Immanuel   Kant schon   als   ‘sublim’   umschrieben   hatte   -   umwerfend,   aber   auch   ein   bisschen beängstigend. Bilder   vom   der   weiblichen   Nacktheit   wurden   erneut   zur   Kampfzone.   1960 nennt   der   Kunsthistoriker   Gombrich   Bouguereau   einen   Maler   von   ‘Pin-ups’. Die    Nymphe,    wie    Bouguereau    sie    zum    Vergnügen    eines    männlichen Publikums   gemalt   hat,   gehört   nicht   mehr   zum   Bereich   der   Kunst,   aber   zur populären   Kultur.   Die   Nymphe   ist   zum   Playboy-Bunny   geworden.   Wenn   in den   60er   und   70er   Jahren   der   menschliche   Körper   eine   Rolle   spielt,   dann als    Konfrontation,    Schmerz,    wie    in    der    Performance-Kunst    von    Marina Abramovic    und    Paul    McCarthy.    Der    Körper    wird    benutzt    um    etwas Kritisches rüber zu bringen, nicht um zu „pleasen“. Die   Kunstwelt   ist   damit   auch   eine   ziemlich   elitäre   Welt   geworden,   wobei studierte     Kunsthistoriker     und     Kuratoren     bestimmen     was     ‘gut’     oder ‘schlecht’   ist.   Gute   Kunst   ist   dabei   eher   progressiv;   Bouguereau   und   seine Freunde,   eigentlich   die   ganze   traditionell-figurative   Malerei,   wird   als   eher rechts   konservativ   eingestuft,   oder   sogar   reaktionär.   Bouguereau   ist   nicht mehr   nur   altmodisch,   er   ist   ein   Feind   der   Kunstwelt   geworden;   gefährlicher Kitsch. VI. Ende der ideologischen Kriegführung Nichts   ist   ewig,   auch   nicht   in   der   Kunstwelt.   Das   Bild   „Nymphes   et   Satyre“ taucht   in   den   1960-er   Jahre   zum   ersten   Mal   wieder   in   einem   Museum   auf: im   „The   Clark   Museum“   in   Williamstown   in   Amerika.   Zwanzig   Jahre   später ist    Bouguereaus    Werk    bei    den    Besuchern    zu    einem    populären    Bild geworden,    nicht    weniger    wie    die    Impressionisten    wofür    das    Museum bekannt   ist.   Wieder   dreißig   Jahren   später,   2014,   habe   ich   das   Gemälde   im Metropolitan    Museum    of    Art    gesehen.    The    Met    hatte    es    vom    Clark ausgeliehen   und   in   einer   Ausstellung   über   die   Kunstwelt   Ende   des   19. Jahrhundert    in    New    York    aufgehängt.    In    fünfzig    Jahren    hat    sich    die Reputation dieses Bild also ziemlich geändert. Wie ist das möglich? Um   diese   Frage   beantworten   zu   können,   habe   ich   mehrere   Experten   aus der   Kunstwelt   interviewt.   Ein   Konservator   von   Musée   d’Orsay   erklärte   die Geschmacksänderung   damit,   dass   im   21.   Jahrhundert   der   ideologische Kampf   aus   der   Nachkriegszeit,   wobei   die   Modernisten   mit   der   Lüge   der Bourgeoisie   abrechnen   wollten,   nicht   mehr   nötig   war.   „Der   ideologische Krieg   der   Kunstgeschichte   ist   einfach   vorbei.   Die   Bourgeoisie   muss   nicht mehr    umgebracht    werden.“    Damit    ist    mehr    Raum    gekommen,    um    das Ende     des     19.     Jahrhundert     wieder     offener     zu     betrachten.,     Darum bekommen   andere   Stile   als   nur   diejenigen,   die   zum   Fortschritt   führen,   in Museen wieder mehr Platz. Und   tatsächlich,   als   ich   2015   im   Musée   d’Orsay   war,   hatte   Bouguereau einen   eigenen,   kleinen   Saal   mit   fünf   Gemälden   bekommen,   darunter   auch das     Venus-Gemälde,     das     zehn     Jahre     zuvor     noch     weggesteckt     im kitschigen    Festsaal    hing.    Der    Saal    befindet    sich    im    Erdgeschoss,    als Nachfolger   der   Neoklassizisten,   genau   wie   er   das   selber   gerne   gesehen hätte.   Im   Musée   d‘Orsay   gibt   es   heute   also   die   Möglichkeit,   beide   Seiten des   19.   Jahrhunderts   zu   sehen   und   selber   eine   Entscheidung   zu   treffen, was man ‘schön’ findet. Wichtig   ist   aber   auch   die   Rolle   des   Kunstmarkts.   Bei   Sotheby’s   New   York hat   mir   die   Expertin   für   das   19.   Jahrhundert   erzählt,   wie   akademische Künstler    seit    den    1980-er    wieder    höhere    Preisen    erzielt    haben.    Sie betrachtete   das   ganz   pragmatisch:   weil   Impressionisten   für   die   meisten Sammler    zu    teuer    geworden    sind,    hat    die    Suche    nach    unbekannterer Kunst   des   19.   Jahrhunderts   angefangen   u.a.   die   akademische   Malerei. Das   hat   aber   deutlich   auch   eine   Folge   für   die   Bekanntheit   solche   Maler. Bouguereau’s   „Nymphes   et   satyre“   wird   jetzt   auf   etwa   zehn   Million   Dollar geschätzt     und     manche     anderen     erreichen     sogar     das     Niveau     der Impressionisten,    so    wie    es    Laurens    Alma-Tadema    vor    einigen    Jahren passierte,    als    eines    seiner    Gemälde    für    35    Millionen    Dollar    versteigert wurde.   Kunstmarkt   und   Museen   sind   dabei   zwei   Seiten   von   der   gleichen Medaille:    wenn    etwas    viel    Wert    ist,    steigt    die    Aufmerksamkeit    von Museumsbesucher;    wenn    aber    etwas    im    Museum    hängt,    steigt    sein kommerzieller Wert. VII. Rückkehr der Schönheit Am   spannendsten   finde   ich   aber   den   Einfluss   von   aktuellen   künstlerischen Entwicklungen     auf     die     Betrachtung     der     Kunstgeschichte     des     19. Jahrhunderts.   Das   Ende   der   großen   Ideologien   spiegelt   sich   auch   seit   der neunziger   Jahre   in   der   Gegenwartskunst.   Mehrere   Trends   sind   dabei   zu beobachten,    die    direkten    Einfluss    darauf    gehabt    haben    wie    in    der Kunstwelt   der   umkämpfte   und   fast   vergessene   Begriff   Schönheit   gesehen wurde. Zum   ersten   gab   es   den Aufstieg   von   Jeff   Koons   als   bekanntesten   Künstler unserer   Zeit,   und   damit   die   Verbreitung   seiner   Sichtweise   auf   Kunst,   Kitsch und   populäre   Kultur.   Koons   mag   es   glatt   und   sentimental,   und   obwohl   die Kunstkritiker   meinen,   dass   er   seine   Bilder   ‘ironisch’   meint,   sieht   er   das selber   ziemlich   ernst:   ein   Bild   darf   angenehm   aussehen,   sogar   schön   sein, sagt   Koons,   und   ‘ein   gutes   Gefühl’   beim   Publikum   hervorrufen.   Für   ihn kann       darum       jedes       Bild       einen       ästhetischen       Wert       haben. Kunstgeschichtliche   Hierarchie   ist   ihm   egal.   Er   sammelt   darum   Zuhause sowohl Bouguereau als Manet, den Vorläufer der Modernisten. Zum    zweiten    gab    es    in    den    Neunzigern    die    Rückkehr    der    figurativen Malerei   in   der   postmodernen   Gegenwartskunst.   Genauso   wie   bei   Koons, wurde    hier    auch    wieder    ‘angenehme    Schönheit’    als    Stilmittel    benutzt. Sogar   die   weibliche   Nacktheit   kehrte   wieder   zurück,   selbst   in   idealisierter, fast   ‘soft-erotischer’   Form   wie   Bouguereau   das   auch   gemacht   hatte.   So   wie in     die     Nackten     vom     deutschen     Malern     Martin     Eder     oder     dem amerikanischen   John   Currin.   Diese   Entwicklung   hat   ohne   Zweifel   dafür gesorgt,   dass   Kunstkritiker   die   ‘kitschige’   Kunst   aus   dem   19.   Jahrhundert wieder   neu   betrachteten,   obwohl   dann   mit   einem Augenzwinkern,   wie   man das von Jeff Koons, Eder und Currin gelernt hatte. VII. Tradition als politisches Statement Weniger   Beobachtung   von   den   Kunstmedien,   aber   journalistisch   genauso spannend,   hat   eine   Entwicklung   ziemlich   abseits   der   ‘offizielle’   Kunstwelt begonnen:   Weg   von   den   großen   Kunstmuseen   und   den   Debatten   über postmodernes   Augenzwinkern,   ist   eine   parallele   Kunstwelt   aufgekommen: die   der   Traditionell-Realisten.   Es   fing   Ende   des   20.   Jahrhunderts   klein   an als   Reaktion   auf   die   Dominanz   der   Modernisten   in   der   Kunstwelt. Aber   jetzt gibt   es   schon   mehrere   Galerien,   Kunstbörsen   und   sogar   Museen   die   sich der     traditionellen     realistischen     Malerei     widmen.     In     dieser     ‘anderen’ Kunstwelt   sucht   man   nach   geeigneten   Vorläufern.   Bouguereau   ist   hier   die letzten Jahre als einer der Wichtigsten aufgestiegen. Das   Internet   spielt   in   dieser   Bewegung   eine   entscheidende   Rolle:   es   sorgt für   die   Demokratisierung   von   Kunstgeschmack.   Nicht   der   professionelle Kritiker   in   einer   Zeitung   entscheidet   hier   was   gut   ist,   aber   der   Blogger   -   und wenn   er   viele   Follower   kriegt,   kriegt   er   auch   echten   Einfluss   in   der   realen Welt. Bouguereau     hat     im     Internet     eine     ganz     aktuelle     Rolle     bekommen. Besonders   die   amerikanische   Webseite   „Art   Renewal   Center“   ist   dabei sehr   aktiv   und   mit   fünf   Million   Besucher   pro   Jahr   tatsächlich   einflussreich. Die     Organisation,     gegründet     von     einem     Millionär,     der     auch     mit akademischer    Kunst    handelt,    hat    Bouguereau    als    der    Stammvater    der heutigen Traditionell-Realisten ausgerufen. Es    ist    seine    Lebensaufgabe,    Bouguereau    und    nicht    Courbet    oder    Van Gogh    zum    wichtigsten    Künstler    des    19.    Jahrhunderts    zu    machen.    Er erzählte   mir,   dass   er   die   Kunstgeschichte   neu   geschrieben   haben   möchte. Er   bekämpft   die   modernistische   Auffassung   von   Kunst,   das   Kunst   kritisch sein   muss,   weh   tun   muss.   Er   will,   dass   Kunst   wieder   als   eine   ‘universale Sprache’    gesehen    wird,    wobei    Schönheit    wieder    als    eher    idealistische Schönheit    aufgefasst    wird,    verwurzelt    in    der    klassischen    Tradition    der Einheit vom Guten, Wahren und Schönen. Diese   ‘Wiederentdeckung’   der   Tradition   klingt   in   diesen   Kreisen   manchmal sogar   wie   eine   politische   Überzeugung.   Wenn   man   Bouguereau   googelt, kommt   man   auf   Webseiten   von   Liebhaber   von   Bouguereau,   die   mit   großer Wut    auf    die    heutige    Kunstwelt    schimpfen.    Bouguereau    wird    dabei    als ‘Künstler   des   Volkes’   gesehen.   Diese   ‘anti-modernistische’   Bewegung   ist damit    zugleich    eine    ‘anti-elitäre’    Bewegung.    Und    weil    die    Kunstelite meistens   eine   liberale   Elite   ist,   scheint   es   fast   eine   parallele   Entwicklung   zu sein   mit   den   politischen-gesellschaftlichen   Trend   Richtung   rechts   in   den USA und Europa. VIII. Wieder ganz nach oben? Die    Frage    ist    natürlich,    ob    die    neue    Bouguereau-Anhänger    auch    echt kriegen,    was    sie    wollen.    Wird    Bouguereau    wieder    ganz    nach    oben kommen, nicht nur im Internet, sondern auch in den Kunstmuseen? Die   Kunsthistoriker,   die   ich   das   gefragt   habe,   sind   darin   ganz   eindeutig: nein.   Bouguereau   und   all   die   anderen   figurativen,   akademischen   Maler   des 19.    Jahrhunderts    dürfen    im    Großen    Ganzen    wieder    mitmachen,    aber werden    damit    nicht    ganz    oben    ankommen.    Warum    nicht?    Weil    für Bouguereau   genau   das   gilt,   was   auch   für   die   Auffassung   von   Schönheit   in der   Gegenwartskunst   gilt:   angenehme   Schönheit   darf   wieder   sein,   aber das 20. Jahrhundert ist damit nicht vergessen. Nehmen    wir    ein    Bild    vom    amerikanischen    Maler    John    Currin,    diese groteske   Venus   von   1998.   Das   Bild   nützt   Schönheit,   gleichzeitig   will   es   den Schönheitskultus   in   unserer   Kultur   kritisieren.   Das   ist   ein   Gedankengang, der   auch   heute   noch   typisch   für   die   Gegenwartskunst   ist.   Man   darf   wieder Schönheit   nutzen,   aber   gleichzeitig   kritisiert   man   damit   das   Thema.   Es   ist ein Stilmittel geworden, genauso wie die Hässlichkeit es ist. Natürlich   kann   man   sich   fragen,   ob   das   nicht   ein   ‘Trick’   ist,   um   neureichen Kunstkäufern   zu   gefallen,   ohne   die   hochgelehrten   Kunstkritiker   zu   ärgern. Aber   die   Bedeutung   dafür   ist   klar:   die   Rückkehr   von   Schönheit   bedeutet kein   Ende   vom   modernistische   Konzept   der   Kunst   -   die   Funktion   von   Kunst als   ‘Kritik’,   wie   es   im   20.   Jahrhundert   üblich   geworden   ist,   ist   damit   noch immer entscheidend. Die   Kunstauffassung   des   20.   Jahrhundert   wird   nicht   ausgeblendet   oder neu   geschrieben,   wie   das   Art   Renewal   Center   das   gerne   hätte   -   man   baut darauf   weiter   auf.   Darum   ist   für   die   ‘Kunstelite’   die   Neuschätzung   von Bouguereau   ‘nur’   eine   Schätzung   mit   einem   Augenzwinkern.   Wie   man   es im   Clark   Museum   formuliert:   Die   „Nymphes   et   satyr“e,   so   sentimental, opulent und politisch inkorrekt, ist ein guilty pleasure.’ Bouguereau,   vor   140   Jahre   noch   das   Inbegriff   des   Establishments,   kann heutzutage    die    Rolle    von    Außenseiter    annehmen,    und    seine    süßliche Schönheit    als    eine   Art    von    Provokation    -    eine    Provokation    des    guten Geschmacks,   wie   man   mir   im   Musée   d’Orsay   erzählt   hat.   Die   Ironie:   in einer   Kunstwelt,   in   der   ‘Provokation’   ein   Qualitätsmerkmal,   aber   zugleich ziemlich   vorhersehbar   geworden   ist,   kann   sich   ein   Kunstkurator   wieder   ein bisschen   rebellisch   fühlen,   wenn   er   Bouguereau   aufhängt.   Und   für   einen Kunstjournalisten,   der   ein   Buch   über   dessen   Gemälde   schreibt,   gilt   das natürlich genauso.
Merlijn Schoonenboom Was ist schön? Warum ein Gemälde innerhalb von 150 Jahre erst Kunst dann Kitsch und dann wieder Kunst werden konnte I. Warum Geschmack sich ändert Was   ist   schön?   Das   ist   natürlich   eine   viel   zu   große   Frage,